Mein erster Auftrag

Beiläufig sagt sie zu mir: "Du meine Mama braucht mal ein neues Logo für ihre Gaststätte.", "Ach was, deine Mama hat 'ne Gaststätte?“ frage ich sie erstaunt und sie fängt an zu berichten. "Ja, du, die läuft wie Sau. Da gibt's alles mögliche, aber am meisten wird Fisch gegessen. Die Leute sind völlig bekloppt nach diesen Fischgerichten. Touristen, Einheimische, alle!“ Anscheinend schmeckt es in der Gaststätte Zur Linde. Nun soll sie ein neues Gesicht bekommen und ich darf es designen. Es soll wie mit Bleistift gefertigt aussehen und das Wichtigste ist, dass die Blätter kleine Fische sind, denn das wird ja schließlich am meisten gegessen. Sie weiß auch schon genau wie es aussehen soll, zeigt mir ein paar Bäume im Netz, die kleine Herziblätter haben und macht eine Skizze. "Das kriegst du doch hin, oder?" Gerade erst hatte ich mit meinem Photoshopworkshop begonnen und meinte zu ihr: "Naja, so in zwei Wochen, dann haben wir auch die Vektorwerkzeuge durchgenommen."

Übermotiviert und blauäugig versuche ich mich am Erstentwurf. Zunächst mit dem Pinselwerkzeug. Die Schrift passt schon ganz gut. Kleine Fischis schwimmen in der Krone. Der Stamm etwas geschwungen, aber zu neumodisch, wie ich eine Woche später von meiner Auftraggeberin zu hören bekomme. Den Schriftzug findet auch sie gut. Der Anfang ist gemacht.

Der Alltag wird hetziger, der Kopf immer voller und der Erstentwurf staubt ein. "Du, meine Mama drängelt. Wir brauchen unbedingt das Logo, sonst müssen wir jemand anderen fragen." Mist! Mein erster Auftrag und ich verbock’ es. Für gewöhnlich halte ich mich für äußerst zuverlässig. Ausgerechnet jetzt, wo mein kleiner Neffe zu Besuch ist muss ich vor'm Rechner kleben und kreativ sein. Er nimmt den Zettel und grinst mich an: "Musst du das jetzt machen?" fragt er mich und schaut erstaunt was ich da am Rechner für ein komisches eckiges Baumgerippe hin und her schiebe. Schnell ist er wieder weg ins Wohnzimmer gehüpft und schaut weiter Lucky Luke. Zuerst dachte ich, dass es an Terence Hill liegt. An was denn auch sonst?! Mein Kindheits- und Jugendschwarm blinzelt mit seinen wasserblauen Augen aus dem Tablet und ich zerfließe. Doch nach einer Weile bemerke ich, dass Jolly Jumper der Magnet ist, der meinen Neffen immer wieder vor den Bildschirm zerrt. An diesem Abend schaffe ich die Schrift, den Baumstamm und die linke Seite der Baumkrone. Der Kopf will nicht mehr und ich mache Schluss.

Wir fahren campen und das Logo ist immer noch nicht fertig. Viel länger kann ich die Mama der Linde nicht warten lassen. Mein schlechtes Gewissen schreit nach Fertigstellung. Der Onkel erbarmt sich und macht mit dem Kleinen 'ne Inseltour. Für ein paar Stunden habe ich unser Vorzelt für mich. Kallehasi leistet mir Gesellschaft <3 Lang ausgestreckt döst er gemütlich vor seiner Kiste. Der ausgebeulte Campingtisch dient mir als Arbeitsplatz. Auf einem Brett in der Mitte des Tisches ruht der Rechner. Die rechte Hand auf der Maus klickt und zieht die Ankerpunkte und -griffe in die richtige Richtung. So langsam hab ich den Dreh raus und aus einem seltsam eckig scheinenden Gebilde wird eine luftig leicht geschwungen Baumkrone, mit Ästen und Zweigen, die sich in alle Himmelsrichtungen strecken.

Die Sonne wärmt den Innenraum während der Ostseewind um's Zelt schleicht. Mein Tee dampft aus der Tasse, Adele schreit mir ins Ohr und ich hab den Urfisch fertig. Mama Linde möchte doch noch ein paar Blätter. Um etwas Farbe ins Bild zu bringen mache ich die Blätter grün. Frühlingsgrün - eine meiner Lieblingsfarben. Das Blattwerk der Baumkrone verdichtet sich und ich bin ganz zufrieden. „Eigentlich macht man sowas ja in Illustrator!“ Immer wieder musste ich diesen Satz hören, wenn ich erzählt habe, dass ich Logos machen will und die Vektorwerkzeuge in Photoshop dafür nutze. Inzwischen sind mein Mann und der kleine Rabauke wieder da und ich zeige ihnen wie fleißig ich war. Sie waren Schiffe gucken und Pommes essen. Wunderbar, das Kind ist gut gelaunt und mag meinen Baum. Mein Mann ist auch begeistert, was mich überrascht, denn das kommt ab und zu mal vor. Er hat die zündende Idee die Fische, die am Baum hängen und freundlich in alle Richtungen gucken, grün einzufärben und die Blätter in grau zu lassen. Ich bin begeistert! Schnell ist alles umgefärbt und der Auftraggeberin geschickt. Mama Linde gefällt’s. Alle sind zufrieden und ich bin stolz wie Bolle! Noch am selben Tag werden die Visitenkarten mit dem Logo bedruckt und ganz bald wird das Bäumchen als Leuchtreklame vor der Gaststätte, die so viele gerne besuchen, zu sehen sein. Ich freu’ mich drauf und auf den Fisch! Sobald es hängt wollen wir essen gehen :)

Nachtrag!
Inzwischen habe ich gelernt, dass es mit Illustrator tatsächlich um einiges leichter gegangen wäre. Der Übungseffekt jedoch war großartig und hat mir viel geholfen beim Illustratorworkshop ;)